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MISTER X | 23.06.2003

Die üblen Tricks der »Firmenbestatter«

OLAF WUNDER

Sie kaufen Pleite-Firmen auf, schlachten sie aus und beerdigen sie sang- und klanglos. "Firmenbestatter" oder "Plattmacher", so nennt die Polizei solche Gangster verächtlich.

Schon tausende deutscher Unternehmen sind auf diese Weise von der Bildfläche verschwunden. Das Nachsehen haben die Beschäftigten, die nicht einmal mehr ihren letzten Lohn erhalten. Und natürlich die Gläubiger, die auf ihren offenen Rechnungen sitzen bleiben. Ein aktueller Fall aus Hamburg - Mister X deckt auf.


Es kam aus heiterem Himmel. Am Freitag hatten viele der 120 Mitarbeiter noch mit ihren Geschäftsführern geplaudert. Nichts hatten die beiden sich anmerken lassen. Umso überraschter waren die Beschäftigten der Hamburger Firma GMO Consulting, als sie sonnabends zu Hause im Briefkasten ein Schreiben ihrer Chefs vorfanden: Allen sei ja die schwierige Situation des Unternehmens bekannt, heißt es darin. Ein Kapitalgeber habe nicht gefunden werden können. Also habe man sich entschlossen, die Firma zu verkaufen - an Jutta Sandau, die eine "spanische Investorengruppe" leite ... Mit freundlichen Grüßen: Heinz M. und Marcus S.


Drei Wochen ist das her. Obwohl viele noch auf ihr letztes Gehalt warten, gehen die Beschäftigten der GMO immer noch täglich zur Arbeit. Was die Zukunft bringt, wissen sie nicht. Die Ex-Geschäftsführer haben sich nach ihrem Brief nie mehr blicken lassen. Und die neue Chefin? Die hat sich bisher nicht einmal vorgestellt. Der Einzige, der Kontakt zu ihr hatte, ist Betriebsrat Dietrich Kracht. Das Telefongespräch, das er mit ihr führte, hat aber die Sorgen der Kollegen noch verstärkt. "Es machte den Eindruck, als hätte sie noch nie von der GMO gehört."


Die Recherchen von Mister X haben ergeben: Die GMO Consulting ist unter die Räuber gefallen. Er ermittelte, dass Jutta Sandau Firmenbestattern als Strohfrau dient. In den vergangenen 24 Monaten wurden in ihrem Namen nicht weniger als 38 deutsche Firmen übernommen. Die Mabo Systembau GmbH in Mahlberg, die Klinkenberg Rohstoffhandels GmbH in Diemelstadt, die Geriamed-Baugesellschaft in Hamburg und die vielen anderen - sie haben eines gemeinsam: Alle verschwanden nach kurzer Zeit spurlos.


Dass "Firmenbestatter" derzeit Hochkonjunktur haben, liegt an der schwierigen wirtschaftlichen Situation. Viele Firmen sind von der Pleite bedroht. Wie im Fall GMO verschließen Geschäftsführer oft die Augen vor der Realität und versuchen lange - nicht selten: zu lange -, ihr krankes Unternehmen vor der Insolvenz zu retten. Wer das tut, geht ein großes Risiko ein. Er läuft Gefahr, wegen Insolvenzverschleppung bestraft zu werden. Für alle Schulden muss er dann persönlich geradestehen. Und vor allem: Sein "guter" Name wird befleckt.


Wer in diese Situation gerät, sieht nur noch einen Ausweg: Er muss die Firma - und damit die Verantwortung - unbedingt loswerden. Wie gerufen kommen da die so genannten Firmenbestatter, die im Internet und in Tageszeitungen inserieren ("GmbH in Not: Ihr guter Name soll sauber bleiben"). Dank willfähriger Notare geht die Abwicklung blitzschnell: Der alte Geschäftsführer zahlt einen mindestens fünfstelligen Betrag. Dafür wird sein Name aus dem Handelsregister gelöscht und durch den Namen eines Strohmanns ersetzt - oft Drogenabhängige oder Sozialhilfeempfänger, bei denen ohnehin nichts zu holen ist. Schließlich wird der Firmensitz verlegt - von Hamburg nach München beispielsweise oder wie im vorliegenden Fall nach Marbella. Unter der neuen Anschrift findet sich lediglich ein Briefkasten. Gläubiger, die ihr Geld eintreiben wollen, laufen ins Leere.


Besonders fette Beute machen "Firmenbestatter" dann, wenn das marode Unternehmen noch Betriebsvermögen hat. Beispiel: die "Ruppiner Straßen- und Tiefbau-GmbH" (RST) in Neuruppin. Geschäftsführerin seit dem 12. März: wieder Jutta Sandau. Als die Bauarbeiter morgens auf ihre Baustelle kommen, sind plötzlich alle Baumaschinen weg. Nachts haben die Mitarbeiter einer internationalen Spedition sie fortgeschafft.


Und auch bei der GMO wurde bereits dick abgesahnt: Am Montag vergangener Woche verschwanden 300000 Euro vom Firmenkonto, per Auslandsüberweisung nach Marbella.


Während sich die Firmenbestatter die Taschen voll machen, stehen die Mitarbeiter der Hamburger GMO Consulting wohl schon bald auf der Straße. Und nicht nur das. "Auch die Chancen der Gläubiger, noch an ihr Geld zu kommen, sind gleich null", berichtet ein Ermittler der Hamburger Kripo über seine Erfahrungen aus vergleichbaren Fällen. "Manche der betroffenen Firmen könnten dadurch selbst in arge Bedrängnis geraten."


Inzwischen hat das LKA Ermittlungen im Fall der GMO Consulting eingeleitet. Die beiden Alt-Geschäftsführer, die glaubten, sich aus der Verantwortung freigekauft zu haben, werden wohl demnächst Besuch bekommen. Gegenüber Mister X wollten sie sich nicht äußern - sie hätten mit der GMO nichts mehr zu tun. Jutta Sandau, die neue Geschäftsführerin, verweigerte ebenfalls jede Auskunft - und verwies an einen gewissen Klaus Crause. Er sei als Rechtsanwalt für sie tätig. Nach ihm suchte Mister X vergeblich. In dem Haus in Marbella, in dem sich seine Kanzlei befinden soll, kennt man ihn nicht.